Konzept

Die gruppenanalytische Supervisionsgruppe für ethnografisches Feldforschen ist eine Methode, die Forscher*innen bei der Gestaltung und Auswertung ethnografischer Feldforschungen unterstützt. Das Setting entspricht einer Anwendung der Gruppenanalyse nach S.H. Foulkes, was eine offene, 'frei-fließende' Kommunikation ermöglicht. Emotionen, assoziatives Schweifenlassen von Gedanken, subjektive Äußerungen und spielerisches Formulieren haben hier Raum und ermöglichen, das Feldmaterial nicht nur in seinen manifesten Aussagen zu begreifen, sondern darüber hinaus auch in seinen impliziten, latenten Gehalten zu entfalten.

  • Die Forschenden werden darin unterstützt, ihr Datenmaterial umfassend auszuwerten.
  • Beziehungshaft-Interaktionelle Aspekte der Feldforschung werden wahrnehmbar und verbalisierbar.
  • Emotionale Erlebnisse können artikuliert und in der Gruppe geteilt, belastende Erfahrungen gemeinsam bearbeitet werden.
  • Es eröffnen sich Zugänge zu sperrigen Seiten des Materials und zu problematischen Aspekten der Feldforschung.
  • Triangulierungsmöglichkeiten werden deutlich, die Interpretationen stärken und den Auswertungsprozess insgesamt voran bringen.

In der Gruppe findet ein vielstimmiger Austausch darüber statt, wie das eingebrachte Feldforschungsmaterial individuell von den Teilnehmenden erlebt wird. Dabei tun sich für die Einzelnen neue Perspektiven auf das eigene Datenmaterial auf. Die besprochenen Situationen, die Interaktionspartner und das eigene, subjektive Erleben rücken in ein neues Licht. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen: Das forschende Subjekt selbst wird im Verhältnis zu seinen Wahrnehmungsgewohnheiten ein Stück weit de-zentriert und auch wieder re-zentriert. Denn berührt werden vom Gruppengeschehen auch die Subjektpositionen, die Identifikationen der Forschenden - ihre Beziehungen zum Feld ebenso wie ihre Verortungen in wissenschaftlichen Diskursen. In der Beziehungsmatrix, die in der Gruppe zwischen den Teilnehmer*innen entsteht, werden diese lebendig, erlebbar und dadurch auch der Reflexion zugänglich. 

 

Der hohe Einsatz, der für das forschende Subjekt mit der Methode des ethnografischen Feldforschens einhergeht und der darin besteht, das eigene Selbst als Instrument des Forschens zu verwenden, findet in der Gruppe Anerkennung und Wertschätzung. Im Unterschied zu anderen Interpretationsgruppenformaten, die es im Bereich qualitativer Sozialforschung gibt, geht es in dieser Methode ausdrücklich auch um Selbsterfahrung. Einfach aus dem genannten Grund: Ethnografisches Feldforschen, ohne das Selbst einzubringen, ist gar nicht möglich! Und mehr noch: Am subjektiven Erleben des Feldes durch die Feldforscher*in lassen sich - im Sinne einer 'Gegenübertragung' des Subjekts auf die Kultur des Feldes, wie Georges Devereux in 'Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften' ausführt - Erkenntnisse über die fremde Kultur gewinnen, die anders möglicherweise gar nicht zustande kämen.

 

Die das 20. Jahrhundert durchziehenden Versuche, ethnologische Kulturforschung und Psychoanalyse zusammen zu bringen, bilden den intellektuellen Zusammenhang, in dem die Methode verortet ist. Besonders ist hier die Tradition der Züricher Ethnopsychoanalyse zu nennen und speziell die ethnopsychoanalytische Deutungswerkstatt nach Maya Nadig. In die Methode eingeflossen sind außerdem Erfahrungen mit der Arbeitsweise der Tübinger Supervisionsgruppe für Feldforschende unter Leitung von Brigitte Becker, die auf dem Ansatz der Balint-Gruppe basiert. Einen weiteren Stützpfeiler besitzt der Ansatz im gruppenanalytischen Supervisionsverständnis von Marita Barthel-Rösing, in dessen Zentrum ein Verständnis für die inter-kontextuelle Übertragung von Konflikten steht, die ins Unbewusste verdrängt sind und sich in der analytischen Gruppenarbeit inszenieren. Wodurch es möglich wird, sie zu erkennen,  zu interpretieren und bearbeiten.

 

Derzeit arbeiten zwei feste Gruppen einmal monatlich jeweils für einen Nachmittag nach der Methode, in Bremen und München. Jeweils zum Jahreswechsel werden neue Teilnehmer*innen aufgenommen. 

Eine weitere Gruppe mit stärkerem Projekt-Charakter tagt mehrmals jährlich in Mainz und Freiburg.

Eine Gruppe in Wien ist in Vorbereitung.